€ 3 Mio. Steuergeld in die Albtherme - und das Leitbild?

Foto: Neubau eines Premium Plus - Resorts
in Karlsruhe Quelle: Pfitzenmaier Unternehmensgruppe

Wenn ein privatwirtschaftliches Unternehmen - zumal bei hoher Verschuldung und prekärer Haushaltslage - € 3 Mio. in einen hart umkämpften Markt investiert, gehen einer solchen Investitionsentscheidung umfangreiche Analysen voraus:

- Marktanalyse

- Wettbewerbsanalyse

- Zielgruppenanalyse
- Bedarfsanalyse/Potenzialanalyse etc.

 

Danach wird ein Gesamtkonzept erstellt und Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt.

Üblicherweise werden Experten und Marktkenner hinzugezogen. Denn nichts soll letztendlich dem Zufall überlassen bleiben.

 

Nicht ganz so in Waldbronn:

 

Gemeinderat und Teile des Gemeinderats (sprich Beirat der Kurverwaltungsgesellschaft) waren schon laut BM Masino 2 Jahre mit den Investitionen in die Albtherme - in nichtöffentlichen Sitzungen - befasst.

 

Nun sollte der Gemeinderat am 23.3.2016 über eine Bürgschaft der Gemeinde für die Kurverwaltung über € 2,4 Mio. beschließen (Zuschüsse bereits abgezogen). 

 

Für den Großteil des Gemeinderats war alles klar, schließlich lag auch eine "Wirtschaftlichkeitsberechnung" der Steuerberatung Dorwath vor (diese war allerdings im Bürgerinformationssystem nicht abrufbar).
Als einen gewissen Fortschritt muss man allerdings bezeichnen, dass die Bürgschaft in öffentlicher Sitzung behandelt wurde - und nicht in nichtöffentlicher Sitzung wie 2015, als es um "lediglich" € 800.000 ging.

 

Der Wirtschaftlichkeitsberechnung lagen Annahmen (aufgestellt von KV GmbH und Beirat?) dergestalt zugrunde, dass aufgrund der "Attraktivitätssteigerung" mittels der Investitionen in das OG der Albtherme sowie Erweiterung in einen Saunagarten - trotz notwendiger Preiserhöhungen (mit erwarteten Mehrerlösen in Höhe von € 300.000) -  die Besucherzahlen stabil bleiben.

Und den Mehrerlösen stünden "nur" gestiegene Kosten in Höhe von € 195.000 gegenüber.

Selbst bei 35% weniger Mehrerlösen bliebe letztendlich die betriebswirtschaftliche Situation wie bisher auch...


Unbestritten - auch von den Freien Wählern - ist die Tatsache, dass Erhaltungsinvestitionen notwendig sind.

 

Nur die Freien Wähler stellten kritische Fragen zur Wirtschaftlichkeitsberechnung, den bisherigen Ergebnissen der Albtherme sowie den Besucherzahlen. Und stellten die Erweiterung "Saunagarten" in Frage.

Mit der Konsequenz, dass seitens der CDU "Stimmungsmache" vorgeworfen wurde.

Wer kritisch hinterfragt, macht Stimmung?

 

Wie erwartet, wurde das Gesamtpaket - gegen die Stimmen der Freien Wähler - letztendlich vom Gemeinderat "durchgewunken". 

 

Marktanalyse? Wettbewerbsanalyse? Zielgruppenanalyse? Bedarfsanalyse? Gesamtkonzept der Albtherme (unter Einbeziehung aller Einrichtungen in der Albtherme)? USP (Alleinstellungsmerkmal) der Albtherme? Einbeziehung von spezialisierten Beratungsunternehmen? 

 

Fehlanzeige.

Davon war in der Sitzung des Gemeinderats keine Rede.
Planungsstand: Wohl bereits weit gediehen (sonst könnte man weder den Investitionsbedarf noch den Abschreibungsmodus kalkulieren).

 

Ob die Annahmen der KV GmbH und des Beirats fundiert sind oder lediglich auf Bauchgefühl basieren, und die Wirtschaftlichkeitsberechnung wirklich alle Kosten berücksichtigt - wir wissen es nicht. Jedenfalls wurden die wichtigen Themen s.o. nicht angesprochen. 

Dem Steuerberatungsbüro war noch nicht einmal bekannt, dass der Deutsche Sauna-Bund aufgrund der Mehrwertsteuererhöhung einen 10%-igen Besucherrückgang prognostiziert-> wie denn auch.

Weder Steuerberater noch Gemeinderäte sind Experten, deren Hinzuziehung jedoch dringend notwendig gewesen wäre.

 

Fest steht nur folgendes:

  1. Die Besucherzahlen der Albtherme sind bisher rückläufig. Siehe hierzu "Hintergrund".
    Die SPD, Gemeinderat Puchelt, kommunizierte jedoch konstante Besucherzahlen.

  2. Entgegen der Meinung der Mehrheit des Gemeinderats ist die wichtigste Kennzahl, nämlich der sogenannte EBITDA und damit das rein operative Geschäft der Albtherme ohne Zinsen, Abschreibungen etc. 2014 im Vergleich zu 2013 wohl nicht besser, sondern eher schlechter geworden. 
    Hervorgehoben wurde, ebenfalls von GR Puchelt (SPD), das positive Ergebnis der Albtherme 2014.
    Ob die Begriffe EBITDA oder cash flow wohl überhaupt bekannt sind?


  3. Klare Antworten hierzu lieferte auch nicht das anwesende Steuerbüro.
    Für 2015 kündigte BM Masino einen Verlust der Albtherme von € 50.000 an (geplant seien € 75.000 Verlust gewesen).
    Eine genaue Analyse kann hier mangels Transparenz bzw. Nichtveröffentlichung  der Zahlen nicht vorgenommen werden.
  4. Die Herausforderungen für Kur-und Heilbäder beschreibt auch ein Leitfaden des BMWI, hier ein kleiner Auszug: 

Vor welchen Herausforderungen stehen Kur-und Heilbäder?

...Die Herausforderungen, mit denen Kurorte und Heilbäder in Deutschland umzugehen haben, werden geprägt von der grundsätzlichen Veränderung des Marktes von einem ehemals kurgeprägten Anbietermarkt zu einem Nachfragermarkt. Langfristiger, starker Professionalisierungsdruck in Richtung konsequenter Kundenorientierung entlang

der gesamten Dienstleistungskette Kurorte und Heilbäder...

 

Entsprechend der aufgezeigten Marktentwicklungen bestehen die Ansätze für eine innovative Marktbearbeitung durch Kurorte und Heilbäder künftig in folgenden Bereichen:

  • Spezialisierung auf indikationsorientierte Zielgruppen in Prävention, Heilung/Linderung, Rehabilitation und Verbindung mit natürlichen Potenzialen und ortsgebundenen Heilmitteln
  • konsequentes Total Quality Management (TQM) – umfassende Verstärkung der Qualitätsinitiativen und –investitionen, Ziel: Einführung und Umsetzung eines Qualitätsmanagementsystems, z. B. EFQM, DIN ISO 9000 ff.
    Viele Leistungsbringer wie z. B. Kliniken sind gesetzlich gebunden, Qualitätsmanagementsysteme einzuführen. Ziel sollte es sein, dass alle Leistungserbringer bestehende Qualitätssysteme wie z. B. Service-Q nutzen.
  • Zuspitzung der Qualität auf die durch Indikationen und Heilmittel geprägten Spezialisierungen des Kurortes
  • Qualitätssicherung in indikationsbezogenen Netzwerken und Initiativen, bspw. durch Zusammenarbeit mit Ärzte- und Patientenverbänden
  • Einführung systematischer innovationsfördernder Maßnahmen und Prozesse, bspw. durch regelmäßige interne Innovationsworkshops und –wettbewerbe....

Klingt kompliziert, ist es auch. Ohne wirkliche Experten besteht schlicht die Gefahr von Fehlinvestitionen.

Denn möglicherweise hätten die Experten gar noch höhere - dafür jedoch ziemlich sicher rentierliche Investitionen - vorgeschlagen.

 

So entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zu Waldbronn beispielsweise ein Premium Plus Resort mit Zielgruppe -auch 50 plus - auf 10.000 qm:

 

Neue Wettbewerber im Gesundheits - und Wellnessmarkt


Foto: Premium Plus Resort
Karlsruhe, Eröffnung 

Frühjahr 2017; Quelle Pfitzenmaier Unternehmensgruppe

Dieses Resort vermag, neben den weiteren "Wettbewerbern" im näheren Umkreis von Waldbronn, sich einen gehörigen Marktanteil zu sichern.

Insbesondere dann, wenn das Preis-Leistungsverhältnis angesichts der dann notwendigen Preiserhöhungen der Albtherme besser als in Waldbronn ist.

 

Oder anders ausgedrückt:

 

Nach allem, was in der Gemeinderatssitzung am 23.3.2016 zu erfahren war, ist die Vorgehensweise in Anbetracht der Tatsache, dass 3 Mio. Steuergelder investiert werden sollen, grob fahrlässig.

 

Die Auswirkungen allerdings wird man erst ab 2018 sehen. 

Da fliesst ja noch viel Wasser den Rhein runter...

 

 


Last not least: Das Leitbild...

Zitat aus dem Amtsblatt vom 17.3.2016 zu den verabschiedeten Ergebnissen der letzten Sitzung des Gemeinderats:

 

"Des Weiteren soll ein Struktur- und Entwicklungsrahmenplan ("Masterplan") für die kommunalen und kulturellen Einrichtungen und Dienstleister sowie für den geplanten Wohnbau und die Infrastruktur entwickelt werden. Dazu soll eine Arbeitsgruppe gemeinsam mit fachkundigen Bürgern gebildet werden."

 

Leitbild zu diesem Punkt verabschiedet - und bereits in der Sitzung vom 23.3. konterkariert.

Der Hinweis der Freien Wähler hierzu wurde schlicht ignoriert.

 

Denn von einem notwendigen Verstoß gegen das Leitbild aufgrund "Eilbedürftigkeit der Investitionen wegen akuter Einsturzgefahr der Albtherme" war jedenfalls nicht die Rede...

 

Liebe Gemeinderäte, sind Sie wirklich der Meinung, dass diese Vorgehensweise  in Anbetracht der massiven Ausgaben-Probleme von Waldbronn die Richtige ist?

Hintergrund und vorhandene Wettbewerber:

Besucherzahlen Albtherme:

 

2005: 256.000
2007 - nach Baumassnahmen 2006: 250.000 

2010: 224.166

2011: 226.215 

2014: 213.000

Besucherrückgang innerhalb von 10 Jahren: 17%

 

Wettbewerb (Beispiele): 


Albgaubad Ettlingen mit Wellnesspark
Siebentäler Therme Bad Herrenalb
Therme Vierordtbad Karlsruhe
Europabad Karlsruhe

Fächerbad Karlsruhe

Thermarium Bad Schönborn

u.v.m. 

Die BNN merkt an:

"...Verwaltung und Gemeinderat müssen höllisch aufpassen, dass sie beim Bad im fremden Geld nicht irgendwann untergehen...."

Nicht vorenthalten...

...möchte ich dem interessierten Leser die Sichtweisen von

- CDU hier ->
und
- SPD hier->